Das digitale Arbeiten kam bei mir erst vor etwa anderthalb Jahren auf den Radar. Von der Digital-Kamera bis zum GrafikTablett und Photoshop. Ich möchte es nicht mehr missen, habe mir aber noch keine abschliessende Meinung dazu gebildet. Es gibt in dem Bereich noch so viel für mich zu entdecken.

VereisteTreppe, DigiPic, JeannieU, 2010
Was mich am meisten stört, sind die langen Stunden vor dem Computer in der Wohnung. Meine Malsachen sind da deutlich transportabler. Aber ich bin sicher, das wird sich in Zukunft mit neuen Spielzeugen geben.
Auch zu meinem Blog (alt und neu) sollte ich in diesem letzten Beitrag zu Theorie und Praxis ein paar Worte sagen. Das Ziel war eine eigene WebSite; die schien mir aber aus dem völligen Stand zu schwierig. Und die Entscheidung, mich über ein Blog und eine vorläufige Site langsam einzuarbeiten, war gut. Allerdings hat mein Webauftritt mich bisweilen sehr viel Zeit und Nerven gekostet. Nicht nur der Content kostete – so ziemlich jedes Problem einer Sysadmin der Technik-Farm zuhause und der Verbindung zum Provider und jede Herausforderung an die WebMasterin von inzwischen vier Sites (einschließlich etwas Design und Programmierung) habe ich vermutlich mitgemacht – sogar das unbeabsichtigte Zerschiessen der WebSite und einen Hack des alten Blogs. Und sollte es noch mehr geben, wird auch das wohl noch kommen.
Doch langsam nimmt meine zukünftige WebSite im Kopf Gestalt an. Und nach einem langen Sommer mit sehr computer-fernen Projekten werde ich dann ernsthaft daran arbeiten. Sie soll im nächsten Winter das augenblickliche SetUp ablösen.
Ich habe heute Morgen eine unglaubliche Stunde auf der WebSite von Ed Ruscha verbracht. Ich war dann so aus dem Häuschen, dass ich statt Einkaufen (und so) eine meiner verschmutzten Radierungen aus dem letzten Sommer überarbeitet habe (mit Fotoschnipseln aus der ResteKiste):

EisWinter, Radierung, JeannieU, 2010
Das wird meine wohlgeordneten Pläne für diese Woche wohl ziemlich durcheinander bringen …
Nach soviel Theorie jetzt die Praxis: was würde ich mit meinem heutigen Wissen tun um Malen zu lernen?
Genau das, was ich eigentlich schon getan hatte, bevor mich der AusbildungsMoloch verschlang. Es ist zunächst nicht viel oder teures dafür nötig: gutes Papier, bunter Bastelkarton und Buntpapier, ein Deckfarbenkasten, Pinsel, Schere, Klebstoff, Bleistifte und Buntstifte, Knetgummi, vielleicht Tinte und Federn. Natürlich ein großer Karton oder eine private Schublade zum Verstauen, ein ruhiger Platz und ungestörte Zeit. Alles möglichst ungiftig und ohne Gebrauchsanweisungen. Fingerfarben kenne ich nicht, die gab es leider erst, als ich schon “zu groß dafür” war.

Standpunkt, Acryl-Karte aus der Themenbox
Selten gelingt es auf Anhieb, bis zum gefühlten Ende einer bestimmten Mal-Aktion zu gelangen ohne den Wunsch etwas anders oder “besser” zu machen. Dann kann man einfach etwas über die Unstimmigkeit malen oder kleben, auch Ausschnitte aus Magazinen oder Fotos oder Fundstücke. Chaos, das ungeplante Nebeneinander von Dingen, bringt oft Lösungen. Müll gibt es keinen! Manchmal muss ich geduldig warten, bis sich ein Knoten löst, manchmal schneide ich Details aus dem unbefriedigenden Ansatz aus für weitere Bilder oder die Restekiste (und von dort weiter zu NettieCards), manchmal entwickeln sich Teile in eigenständige Themen, die dann als Karten in die Themenbox kommen. Auf der Rückseite stehen Gedanken dazu oder oft auch nur ein Wort oder ArbeitsTitel. Zwei Beispiele zeige ich hier einfach mal.

Sisyphos, Acryl-Karte aus der Themenbox
Erst wenn sich spezielle Vorlieben entwickeln oder man etwas Inspirierendes gesehen hat, kann es an der Zeit sein, einen Schnupperkurs zu besuchen. Die haben den Vorteil, das sie meist nur ein paar Stunden dauern und mit voller Material-Palette kommen. Hier sollte man nicht versuchen etwas “Schönes zu malen”, sondern die Technik und das Material mit allen Sinnen durch sämtliche Hindernisse reiten – und möglichst viele Ansätze mit nach Hause nehmen.
Alles weitere kommt dann irgendwann von selbst und zu seiner Zeit.
Ich will jetzt versuchen, meine theoretischen Ansichten über das “Malen lernen” zusammen zu fassen:
es ist wichtig
- die eigene, vorurteilslose Aufmerksamkeit zu entwickeln und anzuwenden (siehe Theorie und Praxis, Beitrag: Die Moorleiche in meinem Keller)
- den eigenen Weg selbst zu gehen; andere können einem höchstens später mal Techniken beibringen (-> Was nützen Malkurse?)
- die gesellschaftlichen und kulturellen Vorgaben gut zu kennen — und dann zu vergessen (-> Schönheit malen)
- die eigenen physischen, emotionalen und geistigen Vorgänge beim Malen detailliert zu erforschen (-> Farbenlehre)
- die Polarität der gemalten und realen Erscheinungen zu erforschen – die Mitte zu suchen (-> Negative Space)
- konzentriert, kompromisslos und ohne “Ziel” zu malen – und nichts anderes im Kopf zu haben (-> Belohnung)
Man kann dann nicht plötzlich ein für allemal malen – immer wenn ich denke, jetzt habe ich es, kommt wieder eine Blockade oder ich produziere nur noch Mist. Aber ich merke es inzwischen sehr viel schneller; weiß, was ich tun kann, und mache einfach weiter: es pendelt dann auch wieder in die andere Richtung. Die offene und unvoreingenommene Haltung von Beginner’s Mind hält mich bei der Stange.
Auch im Museum werde ich nicht landen – aber es macht mir einfach Freude, wenn ich locker zeigen kann, wie sauer ich auf meinen Nachbarn bin oder was ich bemerkenswert an diesem Winter finde.

Ich will zusehen, dass ich meine kleine Beitrags-Serie über “Malen lernen” (unter Theorie und Praxis) fertig bekomme, bevor der Frühling ausbricht.

Abgestraft, Acryl, 16x12 cm, JeannieU, 2010
Es ist schwer ohne Anerkennung oder irgendeine Rückmeldung auf Dauer künstlerisch zu arbeiten. Aber ich selbst finde es noch viel unmöglicher mit diesem ständigen Schielen auf Ruhm, Ehre und dicke Mäuse klarzukommen. Also verkaufe ich meine Sachen grundsätzlich nicht, verschenke sie (vielleicht) auf Anfrage oder verarbeite sie (meist) weiter. Ich habe auch schon ganze Stapel in die Mülltonne gepackt…
Die Motivation hinter dem Wunsch oder Entschluß zu malen war bei mir anfangs nicht klar, ist es möglicherweise heute noch nicht; aber ich kann auch mit Zwischenständen gut malen. Ein Blog und eine WebSite dafür anzulegen war eher Juxendollerei – warum auch nicht?
Es gibt nur einige wenige meiner Arbeiten, die mir (aus verschiedenen Gründen) viel bedeuten. Sie strahlen die warme Freude aus, von der Marion Milner in ihrem Buch spricht. Ich denke sogar, sie hat darin Recht: eigentlich bin ich es, die dieses warme Leuchten ausstrahlt; diese ganz speziellen Werke reflektieren es nur wie ein klarer Spiegel zu mir zurück.
Dies ist meine einzige Belohnung.